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KGV: Was das Kurs-Gewinn-Verhältnis wirklich aussagt

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Kaum eine Kennzahl wird so oft zitiert und so oft missverstanden wie das KGV. Es sagt, wie viele Jahresgewinne du für eine Aktie bezahlst. Ob das viel oder wenig ist, verrät erst der Zusammenhang.

Die Formel: Kurs geteilt durch Gewinn

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV, englisch price-to-earnings ratio oder P/E) setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Es beantwortet eine einfache Frage: Wie viele Jahre müsste das Unternehmen in seiner heutigen Verfassung verdienen, damit die Gewinne den Kaufpreis der Aktie decken?

KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie (EPS)

BeispielEine Aktie kostet 80 €. Das Unternehmen hat im letzten Jahr 4 € je Aktie verdient. Das KGV beträgt 80 ÷ 4 = 20. Du zahlst also das Zwanzigfache des Jahresgewinns.

Dasselbe lässt sich mit Unternehmenswerten rechnen: Börsenwert geteilt durch Jahresüberschuss. Das Ergebnis ist identisch, solange sich die Aktienzahl nicht verändert hat.

Der Kehrwert: die Gewinnrendite

Dreht man das KGV um, erhält man die Gewinnrendite (earnings yield). Bei einem KGV von 20 sind das 1 ÷ 20 = 5 %. Das Unternehmen erwirtschaftet pro investiertem Euro Kurswert fünf Cent Gewinn im Jahr. Diese Sicht hilft beim Vergleich mit Alternativen: Wer eine Gewinnrendite von 5 % akzeptiert, sollte wissen, was eine Bundesanleihe oder ein Tagesgeldkonto derzeit abwirft und welche Wachstumschancen das Unternehmen im Gegenzug bietet.

Trailing, Forward, Shiller: Welches KGV ist gemeint?

Hinter dem Kürzel stecken mehrere Varianten, und Finanzportale mischen sie ohne Vorwarnung.

Zwei KGVs, eine AktieDieselbe Aktie, Kurs 80 €: Gewinn der letzten zwölf Monate 4,00 €, erwarteter Gewinn nächstes Jahr 4,80 €. Trailing KGV: 20,0. Forward KGV: 16,7. Wer die beiden Zahlen von verschiedenen Portalen nebeneinanderlegt, glaubt schnell, es gebe zwei verschiedene Bewertungen.

Was ist ein „gutes“ KGV?

Eine Zahl, die für alle gilt, gibt es nicht. Über lange Zeiträume lag das KGV großer Aktienindizes meist im mittleren bis höheren Zehnerbereich, mit erheblichen Ausschlägen nach oben in Boomphasen und nach unten in Krisen. Einzelne Branchen bewegen sich dauerhaft auf unterschiedlichem Niveau:

Sinnvoll ist deshalb ein dreifacher Vergleich: mit ähnlichen Unternehmen, mit der eigenen Historie der Aktie und mit dem erwarteten Wachstum. Der letzte Punkt führt zur PEG Ratio, die das KGV um das Gewinnwachstum ergänzt.

Wo das KGV in die Irre führt

Zyklische Unternehmen

Bei Rohstoff-, Chemie- oder Autoherstellern dreht sich das Bild im Konjunkturzyklus. Auf dem Gipfel sind die Gewinne hoch und das KGV niedrig. Die Aktie wirkt billig, ist es aber oft nicht, weil die Gewinne bald fallen. Im Tal ist es umgekehrt.

Der Zyklus-EffektEin Chemiekonzern verdient im Boomjahr 10 € je Aktie, der Kurs liegt bei 90 €: KGV 9. Im Abschwung sinkt der Gewinn auf 2 €, der Kurs fällt nur auf 80 €: KGV 40. Wer nur auf das KGV schaut, hätte am Hoch gekauft und am Tief gemieden. Ein Durchschnitt über mehrere Jahre zeigt das Bild ehrlicher.

Einmalposten und Bilanzkosmetik

Wertberichtigungen, Verkaufsgewinne oder Rückstellungen können den Jahresgewinn kräftig verzerren. Viele Unternehmen veröffentlichen deshalb einen „bereinigten“ Gewinn. Das ist nützlich, solange die Bereinigungen echte Ausreißer betreffen. Wenn jedes Jahr neue „einmalige“ Kosten herausgerechnet werden, sind sie keine Ausnahme mehr.

Negative oder winzige Gewinne

Ist der Gewinn negativ, ist das KGV nicht definiert. Ist er sehr klein, wird das KGV riesig und sagt nichts mehr aus. Hier sind Umsatz, Cashflow oder Kurs-Umsatz-Verhältnis bessere Ausgangspunkte.

Kapitalintensive Sonderfälle

Bei Immobiliengesellschaften (REITs) verzerren hohe Abschreibungen den Gewinn, hier zählt der operative Cashflow (FFO). Bei Banken wird häufig das Kurs-Buchwert-Verhältnis zusätzlich herangezogen. Bei Investmentgesellschaften wie BDCs ist der Nettoinventarwert der Anker.

Schulden bleiben unsichtbar

Das KGV bewertet nur das Eigenkapital. Zwei Firmen mit gleichem Gewinn und gleichem KGV können sehr unterschiedlich riskant sein, wenn eine davon hoch verschuldet ist. Ergänzend lohnt der Blick auf die Verschuldung.

KGV und Dividende zusammen lesen

Für Dividendeninvestoren ist das KGV vor allem ein Plausibilitätscheck. Ein sehr niedriges KGV bei hoher Dividendenrendite sollte misstrauisch machen: Der Markt preist womöglich bereits fallende Gewinne oder eine Kürzung ein. Ein hohes KGV bei niedriger Rendite ist kein Fehler, verlangt aber Wachstum, das die Bewertung rechtfertigt. Prüfe immer auch die Ausschüttungsquote und den Free Cashflow. Eine ausführliche Einordnung der Bewertungsverfahren findest du im Artikel zur Bewertung mit KGV, Dividendenmodell und DCF.

Im siehst du KGV, Gewinn und Dividende mehrerer Jahre nebeneinander, und im kannst du nach einem KGV-Bereich filtern.

Häufige Fragen

Was bedeutet ein KGV von 15?

Du zahlst das 15-Fache des Jahresgewinns je Aktie. Die Gewinnrendite beträgt rund 6,7 Prozent (1 geteilt durch 15). Ob das günstig ist, hängt von Branche, Wachstum und Risiko ab.

Ist ein niedriges KGV immer besser?

Nein. Ein niedriges KGV kann auf eine günstige Bewertung hindeuten, aber auch auf erwartete Gewinnrückgänge, hohe Schulden oder ein zyklisches Gewinnhoch. Es ist ein Hinweis, kein Urteil.

Was ist der Unterschied zwischen KGV und Forward-KGV?

Das normale KGV nutzt den Gewinn der vergangenen zwölf Monate. Das Forward-KGV nutzt den von Analysten erwarteten Gewinn der Zukunft und ist damit schätzungsabhängig.

Wie berechne ich das KGV ohne Gewinn je Aktie?

Teile den Börsenwert (Kurs mal Aktienzahl) durch den Jahresüberschuss. Das Ergebnis entspricht dem KGV, solange sich die Aktienzahl nicht stark verändert hat.

Funktioniert das KGV für Banken und REITs?

Nur eingeschränkt. Bei Banken sind Kurs-Buchwert-Verhältnis und Kapitalquoten wichtiger, bei REITs der operative Cashflow (FFO), weil Abschreibungen den Gewinn verzerren.

Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information und ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust. Die Zahlenbeispiele sind frei gewählt und keine Prognose.