Verschuldung bewerten: Net Debt/EBITDA, Zinsdeckung und Eigenkapitalquote
Schulden sind nicht per se schlecht. Sie machen Wachstum möglich und senken die Kapitalkosten. Aber sie bestimmen, wie viel Luft eine Dividende bekommt, wenn die Geschäfte schlechter laufen.
Warum Dividendeninvestoren auf Schulden schauen
Dividenden stehen in der Reihenfolge der Zahlungen ganz hinten. Zuerst bekommen Lieferanten, Mitarbeiter, Fiskus und Kreditgeber ihr Geld, dann die Aktionäre. In einer Krise wird die Dividende deshalb zuerst gekürzt, um Zinsen und Tilgungen zu bezahlen. Je höher die Schulden, desto größer das Risiko, dass genau das passiert.
Die wichtigsten Kennzahlen
Nettoverschuldung
Nettoverschuldung = verzinsliche Schulden − Bargeld und liquide Mittel
Sie zeigt, was nach Verwendung aller flüssigen Mittel an Schulden übrig bleibt. Eine negative Nettoverschuldung bedeutet, dass mehr Geld da ist als Schulden (Nettoliquidität). Achte darauf, ob Leasingverbindlichkeiten mitgezählt werden. Nach IFRS sind sie in der Bilanz enthalten, das beeinflusst den Vergleich mit US-Unternehmen.
Net Debt/EBITDA
Verschuldungsgrad = Nettoverschuldung ÷ EBITDA
Diese Kennzahl sagt, wie viele Jahre das Unternehmen mit seinem operativen Ergebnis vor Abschreibungen bräuchte, um die Nettoschulden zurückzuzahlen.
Faustregeln: Bis etwa 2 gilt als komfortabel, zwischen 2 und 3,5 als in Ordnung für stabile Branchen, darüber wird es eng. Stabile, regulierte Geschäfte wie Netzbetreiber vertragen mehr, zyklische Unternehmen weniger. Banken und Versicherer haben eigene Kapitalmaße und werden nicht über Net Debt/EBITDA bewertet.
Zinsdeckungsgrad
Zinsdeckung = EBIT ÷ Zinsaufwand
Sie zeigt, wie oft das operative Ergebnis die Zinsen deckt. Unter 3 wird es schnell kritisch, über 8 gilt als sehr solide. Besonders wichtig in Zeiten steigender Zinsen: Läuft günstiges Altschuldenpaket aus und wird teuer refinanziert, steigt der Zinsaufwand, ohne dass das Geschäft sich verändert hat.
Eigenkapitalquote
Eigenkapitalquote (%) = Eigenkapital ÷ Bilanzsumme × 100
Ein hoher Anteil Eigenkapital gibt Puffer. Deutsche Industrieunternehmen liegen oft zwischen 30 und 50 %. Immobilien- und Finanzfirmen haben je nach Geschäftsmodell ganz andere Werte, bei Banken ist sie schon strukturell niedrig.
Was die Kennzahlen nicht zeigen
- Fälligkeiten. Wer 5 Mrd. Schulden mit Laufzeit bis 2040 hat, steht besser da als jemand mit 2 Mrd., die in zwei Jahren refinanziert werden müssen. Im Geschäftsbericht gibt es dazu meist eine Fälligkeitstabelle.
- Fest oder variabel verzinst. Variabel verzinste Schulden machen das Unternehmen anfällig für Zinsanstiege.
- Rating. Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit. Ab BBB− (S&P) bzw. Baa3 (Moody’s) spricht man von „Investment Grade“. Darunter liegt das spekulative Feld, in dem Refinanzierung teurer und unsicherer wird. Eine Herabstufung zeigt oft früh, dass sich die Lage verschlechtert.
- Außerbilanzielle Verpflichtungen. Pensionsrückstellungen, Garantien und Rechtsstreitigkeiten können wirtschaftlich wie Schulden wirken.
Schulden und Dividende zusammen lesen
Ein praktischer Test: Wie viele Jahre Dividende könnte das Unternehmen aus dem Free Cashflow bezahlen, wenn der Gewinn um ein Drittel einbräche, und wären dann noch Zinsen und Tilgungen gedeckt? Hohe Dividendenrenditen bei steigender Verschuldung und sinkendem Cashflow sind ein klassisches Muster der Dividendenfalle.
Im findest du unter „Finanzen“ Cash und Schulden im Verlauf, zusammen mit Gewinn und Cashflow in einem Diagramm.
Häufige Fragen
Was ist ein guter Wert für Net Debt/EBITDA?
Bis etwa 2 gilt als komfortabel, bis 3,5 als vertretbar für stabile Branchen. Zyklische Unternehmen sollten niedriger liegen, regulierte Versorger vertragen mehr.
Was ist der Unterschied zwischen Brutto- und Nettoverschuldung?
Die Bruttoverschuldung sind alle verzinslichen Schulden. Die Nettoverschuldung zieht Bargeld und liquide Mittel ab und zeigt, was real zurückzuzahlen wäre.
Warum ist die Fälligkeitsstruktur wichtig?
Weil Schulden, die bald refinanziert werden müssen, bei höheren Zinsen oder schlechter Kreditwürdigkeit plötzlich teurer werden. Gestreckte Laufzeiten geben Planungssicherheit.
Wie hoch darf die Verschuldung bei Dividendenzahlern sein?
Das hängt von Branche und Stabilität ab. Wichtig ist, dass Zinsen, Tilgungen und Dividende auch in einem schwachen Jahr aus dem Cashflow bezahlt werden können.
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information und ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust. Die Zahlenbeispiele sind frei gewählt und keine Prognose.